Strategy
4 Minuten
7.7.2026

Wen Agentic Commerce trifft. Und wen nicht.

Benjamin Uhlmann

Gründer von pan pan

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Warum kann Agentic Commerce einige Online Shops komplett verändern, während andere kaum etwas davon spüren? Die Antwort hat wenig mit Branche oder Sortimentsgröße zu tun. Sie hat mit einer einzigen Frage zu tun: Wie viel Mensch steckt eigentlich noch im Kauf?

Je emotionaler oder wirtschaftlich relevanter ein Kauf ist, desto seltener werden Konsumenten diesen an eine KI auslagern. Umgekehrt gilt: Je austauschbarer, rationaler und wiederkehrender ein Kauf ist, desto eher übernimmt der Agent. Diese Logik lässt sich in einer einfachen Matrix greifbar machen.

Was Agentic Commerce eigentlich verändert

Agentic Commerce beschreibt KI-Systeme, die im Auftrag von Konsumenten selbstständig einkaufen. Kein Klicken mehr durch Kategorien, kein Vergleichen von Varianten, kein Warenkorb, den ein Mensch befüllt. Der Agent kennt die Präferenzen, kennt das Budget, kennt den Bedarf und bestellt.

Für viele Shops klingt das nach einer fernen Zukunftsvision. Ist es nicht. Amazon arbeitet mit Rufus bereits an genau diesem Modell, ähnliche Systeme entstehen im B2B-Einkauf. Die Frage ist nicht ob, sondern wann und wo zuerst. Und ehrlicherweise nutzen wir Amazon oft schon fast wie einen Agent. Nach der Suche kaufen wir das erstbeste, nicht beworbene Produkt einfach, ohne tiefer in seine Eigenschaften einzusteigen. Wir könnten jetzt schon sagen "Kaufe uns das am besten rankende Druckerpapier".

Anhand dieses Beispiels zeigt sich aber bereits: Nicht jede Kategorie ist gleich stark betroffen.

Die Matrix: zwei Achsen, eine einfache Logik

Die Matrix spannt sich über zwei Dimensionen auf. Die erste Achse fragt, ob ein Kauf rational oder emotional getroffen wird. Die zweite Achse fragt, ob es sich um einen einmaligen Kauf handelt oder um einen, der sich wiederholt.

Unten links entsteht daraus die Agentic Zone. Käufe, die rational und wiederkehrend sind. Hier gibt es nichts zu entdecken, nichts zu vergleichen, keine Marke, an der das Herz hängt. Man braucht das Produkt einfach wieder, so wie beim letzten Mal. Genau hier hat ein Agent keinen Nachteil gegenüber einem Menschen. Im Gegenteil: Er erledigt die Nachbestellung schneller, zuverlässiger und ohne emotionale Reibung.

Oben rechts liegt das Gegenteil. Käufe, die emotional und einmalig sind. Hier zählt die Entscheidung selbst, nicht nur das Ergebnis. Man probiert an, vergleicht Stile, hat eine Lieblingsmarke oder entdeckt gerade eine neue. Ein Agent kann das Produkt technisch kaufen. Die Entscheidung, die eigentlich zählt, kann er nicht treffen.

Wo der Agent übernimmt

Konkret heißt das: Druckerpatronen, Ladekabel, Hundefutter, Getränkekisten und Berufsbekleidung sind die Paradebeispiele der Agentic Zone. Bei all diesen Produkten kauft man nicht neu, man bestellt nach. Die Marke ist meist durch das erste Gerät oder den ersten Vertrag vorgegeben, nicht durch eine bewusste Präferenz. Es gibt keinen Recherche-Moment, keinen Vergleich, keine Freude am Stöbern. Wer hier Zeit investiert, empfindet das eher als Last denn als Erlebnis.

Für Shops, deren Kernsortiment genau in diesem Bereich liegt, ist die Konsequenz direkt. Sobald ein Agent Zugriff auf Kaufhistorie und Präferenzen hat, gibt es wenig Grund, warum ein Mensch den Bestellprozess noch manuell durchlaufen sollte. Der Touchpoint zur eigenen Marke verschwindet, nicht abrupt, aber schleichend.

Wo der Mensch der Käufer bleibt

Am anderen Ende der Matrix stehen Sneaker, Parfum, ein Pullover, ein Geschenk für jemanden, ein Sofa, eine Pflanze fürs Wohnzimmer. Bei all diesen Käufen ist die Entscheidung selbst der Wert. Man vergleicht Stile, testet Düfte, überlegt, was zur eigenen Persönlichkeit passt oder was der beschenkten Person gefallen könnte. Ein Agent kann Optionen filtern. Er kann nicht fühlen, welches Parfum zur eigenen Ausstrahlung passt oder welches Geschenk wirklich Freude macht.

Für Shops in diesen Kategorien bedeutet Agentic Commerce vor allem eines: Der Traffic bleibt menschlich, solange die Marke selbst Grund genug für den Besuch ist. Zalando und Flaconi sind gute Beispiele dafür. Ihr Geschäftsmodell lebt von genau der Unentschlossenheit, die ein Agent nicht auflösen kann.

Die Grauzone, die oft übersehen wird

Interessant wird es dort, wo die Matrix nicht eindeutig ist. Drucker, Laptop und WPC-Dielen sind rational, aber einmalig. Man kauft sie selten, dafür mit echtem Recherche-Aufwand. Hier hat der Kauf noch keinen etablierten Automatismus, den ein Agent einfach übernehmen könnte. Solange es diesen bewussten Vergleichsmoment gibt, bleibt der Mensch am Steuer, zumindest bis Agenten auch komplexe, seltene Käufe zuverlässig einschätzen können.

Umgekehrt gilt das für Wein, Lippenstift und teilweise auch Parfum. Diese Käufe wiederholen sich, sind aber trotzdem emotional aufgeladen. Man hat eine Lieblingsmarke, einen bevorzugten Jahrgang, einen Lieblingston. Wiederkehrend heißt hier nicht automatisch gefährdet. Es kommt darauf an, ob die Wiederholung aus Bequemlichkeit passiert oder aus echter Präferenz.

Genau diese Nuance macht die Matrix nützlicher als eine reine Einteilung nach Branche.

Was das für dein Sortiment bedeutet

Die eigentliche strategische Frage ist deshalb nicht, ob Agentic Commerce einen betrifft. Die Frage ist, welcher Teil des eigenen Sortiments in welchem Quadranten liegt. Ein Elektronik-Händler verkauft Laptops, die noch recherchiert werden, und Druckerpatronen, die einfach nachbestellt werden. Beides im gleichen Shop, aber mit völlig unterschiedlicher Gefährdung durch Agenten.

Wer sein Sortiment nach dieser Logik durchgeht, findet meist drei Kategorien-Typen. Produkte, die schon heute reine Nachbestellung sind und bei denen sich aktiv über Abo-Modelle oder eigene Bestell-Schnittstellen für Agenten nachdenken lässt, statt den Kanal zu verlieren. Produkte, die von echter Markenbindung oder Entdeckungsfreude leben und bei denen sich diese emotionale Komponente im Markenauftritt weiter stärken lässt. Und Produkte in der Grauzone, bei denen sich beobachten lässt, in welche Richtung sich das Kaufverhalten in den nächsten Jahren entwickelt.

Fazit

Agentic Commerce trifft nicht Branchen. Es trifft Kaufmuster. Wo ein Kauf reine Commodity ist und keine Emotion mitspielt, wird die KI zum natürlichen Standard. Wo es etwas zu entdecken gibt oder eine Marke echte Bedeutung hat, bleibt der Mensch der Käufer, zumindest solange Marken diese Bedeutung aktiv pflegen.

Wer sein eigenes Sortiment noch nicht in diese Matrix einsortiert hat, sollte damit jetzt anfangen. Nicht aus Sorge, sondern aus Klarheit darüber, wo Handlungsbedarf besteht und wo man einfach eine gute Position hat.

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4 Minuten

Wen Agentic Commerce trifft. Und wen nicht.

Benjamin Uhlmann

7.7.26

Warum kann Agentic Commerce einige Online Shops komplett verändern, während andere kaum etwas davon spüren? Die Antwort hat wenig mit Branche oder Sortimentsgröße zu tun. Sie hat mit einer einzigen Frage zu tun: Wie viel Mensch steckt eigentlich noch im Kauf?

Je emotionaler oder wirtschaftlich relevanter ein Kauf ist, desto seltener werden Konsumenten diesen an eine KI auslagern. Umgekehrt gilt: Je austauschbarer, rationaler und wiederkehrender ein Kauf ist, desto eher übernimmt der Agent. Diese Logik lässt sich in einer einfachen Matrix greifbar machen.

Was Agentic Commerce eigentlich verändert

Agentic Commerce beschreibt KI-Systeme, die im Auftrag von Konsumenten selbstständig einkaufen. Kein Klicken mehr durch Kategorien, kein Vergleichen von Varianten, kein Warenkorb, den ein Mensch befüllt. Der Agent kennt die Präferenzen, kennt das Budget, kennt den Bedarf und bestellt.

Für viele Shops klingt das nach einer fernen Zukunftsvision. Ist es nicht. Amazon arbeitet mit Rufus bereits an genau diesem Modell, ähnliche Systeme entstehen im B2B-Einkauf. Die Frage ist nicht ob, sondern wann und wo zuerst. Und ehrlicherweise nutzen wir Amazon oft schon fast wie einen Agent. Nach der Suche kaufen wir das erstbeste, nicht beworbene Produkt einfach, ohne tiefer in seine Eigenschaften einzusteigen. Wir könnten jetzt schon sagen "Kaufe uns das am besten rankende Druckerpapier".

Anhand dieses Beispiels zeigt sich aber bereits: Nicht jede Kategorie ist gleich stark betroffen.

Die Matrix: zwei Achsen, eine einfache Logik

Die Matrix spannt sich über zwei Dimensionen auf. Die erste Achse fragt, ob ein Kauf rational oder emotional getroffen wird. Die zweite Achse fragt, ob es sich um einen einmaligen Kauf handelt oder um einen, der sich wiederholt.

Unten links entsteht daraus die Agentic Zone. Käufe, die rational und wiederkehrend sind. Hier gibt es nichts zu entdecken, nichts zu vergleichen, keine Marke, an der das Herz hängt. Man braucht das Produkt einfach wieder, so wie beim letzten Mal. Genau hier hat ein Agent keinen Nachteil gegenüber einem Menschen. Im Gegenteil: Er erledigt die Nachbestellung schneller, zuverlässiger und ohne emotionale Reibung.

Oben rechts liegt das Gegenteil. Käufe, die emotional und einmalig sind. Hier zählt die Entscheidung selbst, nicht nur das Ergebnis. Man probiert an, vergleicht Stile, hat eine Lieblingsmarke oder entdeckt gerade eine neue. Ein Agent kann das Produkt technisch kaufen. Die Entscheidung, die eigentlich zählt, kann er nicht treffen.

Wo der Agent übernimmt

Konkret heißt das: Druckerpatronen, Ladekabel, Hundefutter, Getränkekisten und Berufsbekleidung sind die Paradebeispiele der Agentic Zone. Bei all diesen Produkten kauft man nicht neu, man bestellt nach. Die Marke ist meist durch das erste Gerät oder den ersten Vertrag vorgegeben, nicht durch eine bewusste Präferenz. Es gibt keinen Recherche-Moment, keinen Vergleich, keine Freude am Stöbern. Wer hier Zeit investiert, empfindet das eher als Last denn als Erlebnis.

Für Shops, deren Kernsortiment genau in diesem Bereich liegt, ist die Konsequenz direkt. Sobald ein Agent Zugriff auf Kaufhistorie und Präferenzen hat, gibt es wenig Grund, warum ein Mensch den Bestellprozess noch manuell durchlaufen sollte. Der Touchpoint zur eigenen Marke verschwindet, nicht abrupt, aber schleichend.

Wo der Mensch der Käufer bleibt

Am anderen Ende der Matrix stehen Sneaker, Parfum, ein Pullover, ein Geschenk für jemanden, ein Sofa, eine Pflanze fürs Wohnzimmer. Bei all diesen Käufen ist die Entscheidung selbst der Wert. Man vergleicht Stile, testet Düfte, überlegt, was zur eigenen Persönlichkeit passt oder was der beschenkten Person gefallen könnte. Ein Agent kann Optionen filtern. Er kann nicht fühlen, welches Parfum zur eigenen Ausstrahlung passt oder welches Geschenk wirklich Freude macht.

Für Shops in diesen Kategorien bedeutet Agentic Commerce vor allem eines: Der Traffic bleibt menschlich, solange die Marke selbst Grund genug für den Besuch ist. Zalando und Flaconi sind gute Beispiele dafür. Ihr Geschäftsmodell lebt von genau der Unentschlossenheit, die ein Agent nicht auflösen kann.

Die Grauzone, die oft übersehen wird

Interessant wird es dort, wo die Matrix nicht eindeutig ist. Drucker, Laptop und WPC-Dielen sind rational, aber einmalig. Man kauft sie selten, dafür mit echtem Recherche-Aufwand. Hier hat der Kauf noch keinen etablierten Automatismus, den ein Agent einfach übernehmen könnte. Solange es diesen bewussten Vergleichsmoment gibt, bleibt der Mensch am Steuer, zumindest bis Agenten auch komplexe, seltene Käufe zuverlässig einschätzen können.

Umgekehrt gilt das für Wein, Lippenstift und teilweise auch Parfum. Diese Käufe wiederholen sich, sind aber trotzdem emotional aufgeladen. Man hat eine Lieblingsmarke, einen bevorzugten Jahrgang, einen Lieblingston. Wiederkehrend heißt hier nicht automatisch gefährdet. Es kommt darauf an, ob die Wiederholung aus Bequemlichkeit passiert oder aus echter Präferenz.

Genau diese Nuance macht die Matrix nützlicher als eine reine Einteilung nach Branche.

Was das für dein Sortiment bedeutet

Die eigentliche strategische Frage ist deshalb nicht, ob Agentic Commerce einen betrifft. Die Frage ist, welcher Teil des eigenen Sortiments in welchem Quadranten liegt. Ein Elektronik-Händler verkauft Laptops, die noch recherchiert werden, und Druckerpatronen, die einfach nachbestellt werden. Beides im gleichen Shop, aber mit völlig unterschiedlicher Gefährdung durch Agenten.

Wer sein Sortiment nach dieser Logik durchgeht, findet meist drei Kategorien-Typen. Produkte, die schon heute reine Nachbestellung sind und bei denen sich aktiv über Abo-Modelle oder eigene Bestell-Schnittstellen für Agenten nachdenken lässt, statt den Kanal zu verlieren. Produkte, die von echter Markenbindung oder Entdeckungsfreude leben und bei denen sich diese emotionale Komponente im Markenauftritt weiter stärken lässt. Und Produkte in der Grauzone, bei denen sich beobachten lässt, in welche Richtung sich das Kaufverhalten in den nächsten Jahren entwickelt.

Fazit

Agentic Commerce trifft nicht Branchen. Es trifft Kaufmuster. Wo ein Kauf reine Commodity ist und keine Emotion mitspielt, wird die KI zum natürlichen Standard. Wo es etwas zu entdecken gibt oder eine Marke echte Bedeutung hat, bleibt der Mensch der Käufer, zumindest solange Marken diese Bedeutung aktiv pflegen.

Wer sein eigenes Sortiment noch nicht in diese Matrix einsortiert hat, sollte damit jetzt anfangen. Nicht aus Sorge, sondern aus Klarheit darüber, wo Handlungsbedarf besteht und wo man einfach eine gute Position hat.

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